Die unglaublichen Abenteuer des hochwohllöblichen Ritters Zanibald von Azaren

Die unglaublichen Abenteuer des hochwohllöblichen Ritters Zanibald von Azaren
Eine Sammlung an humoristischen Kurzgeschichten von Zanibald von Azaren, einem Ritter der Allianz. Verfasst durch Kari Sha’thar.

Eine Reihe humoristischer Geschichten aus der Feder von Kari Sha’thar

Vierter Bund

Inhalt


Erster Teil

Der Kampf gegen die Neruber in den Tiefen von Heilsturz

Zanibald von Azaren, der kühne Ritter, der schon tausende Schlachten geschlagen hatte und gewiss noch weitere tausend schlagen würde, der unzählige Feinde bekämpft und stets als Sieger vom Platz geschritten war, der hilflose Frauen aus brennenden Häusern gerettet und alte Damen über die Straße geholfen hatte, der furchtlos von einem bekannten Ende der Welt zum anderen – und darüber hinaus – gereist war, der Drachen und Dämonen gleichermaßen erschlagen hatte, stand breitbeinig da. Das blonde, lange Haar flatternd im Wind, die stolz geschwellte Brust hinter einer auf Hochglanz blinkenden Rüstung verborgen, den runden Schild in der linken und das glänzende Schwert in der Rechten und starrte auf die fast gänzlich eingesponnene Stadt Anteves, im Hintergrund der große, schillernde Kristall Beledar. Heute war der Tag, um eine weitere Ruhmestat zu den bereits vielen hinzuzuverdienen. Heute Abend würde sich Ritter Zanibald von Azaren auch noch Befreier von Anteves nennen können.

»Männer und Frauen. Mitstreiter!«, begann die Stimme des Ritters durch die Luft zu schallen. »Heute werden wir ewigen Ruhm erlangen. Heute ist der Tag, an dem wir die Neruber zurückschlagen werden! Den heutigen Tag wird sich bei diesen Ungeheuern ins Gedächtnis einbrennen, denn heute, werte Mitstreiter, wird der Anfang vom Untergang der Neruber sein!« Er machte eine kleine Kunstpause und reckte dann sein glitzerndes Schwert in die Luft. »Für die Allianz! Für die Arathi!« Der Jubel der Massen ließ Zanibald das Gesicht zu einem Grinsen verziehen. Ja, sie würden ihm folgen, denn er war ein wahrhaft leuchtendes Beispiel von Mut und Stärke.

Der Feind hatte Stellung bezogen, ein Teil der Neruber war aus dem Tor herausgekommen und erwartete sie. Die Kreaturen bestanden aus allen möglichen Größen, von der Größe eines Hundes, bis zu so gewaltigen Wesen von der Größe eines Hauses. Doch Ritter Zanibald blieb ruhig. Er hatte solche Kämpfe schon dutzende Male ausgetragen. Er hob die Hand mit seinem blinkenden Schwert. »Zum Angriff!«, schrie er. Taktiken wurden überbewertet, sie würden einfach wie ein Schwert durch die Menge an Feinden schneiden.

Er machte erst einen Schritt, dann einen zweiten und dann rannte er auf die Neruberstreitmacht zu. Hinter sich hörte er den einstimmigen Schrei seiner Mannen und Frauen, die hinter ihm her rannten. Er stimmte in diesen ein. Jetzt war die Zeit für Heldentaten, für Ruhm, für die Ehre gekommen. Er traf mit brachialer Gewalt auf die feindliche Reihe und schlug zu. Er hackte auf Gliedmaßen ein, stampfte die kleineren Viecher in Grund und Boden und schritt ohne ein Zögern weiter. Schon nach kurzer Zeit war er über und über mit Neruberblut besudelt, aber er wurde einfach nicht müde. Sein Schwert schnitt immer wieder in Fleisch. Der Tag würde lang werden, denn die feindlichen Massen schienen kaum ein Ende zu nehmen. Doch da tauchte eines dieser haushoch großen Biester vor ihm auf. Doch Ritter Zanibald zögerte nicht. Er holte aus …

Ein Räuspern. »Werter Herr … Euer Bad ist nun eingelassen. Ihr solltet Euch beeilen, bevor es kalt wird«, kam die Stimme seiner Knappin hinter Zanibald und er blinzelte. Das Schlachtfeld verschwand und machte dem Inneren seines Zeltes Platz. Er stand auch nicht in glänzender Rüstung da, sondern in seinem Morgenmantel und weichen Fellpantinen. Ritter Zanibald wurde rot. »Oh, ehm … danke.« Er drehte sich um und bemerkte seine Knappin Zyallaar, die mit unbewegter Miene noch ein Handtuch und ein Stück Seife bereithielt. »Ja, nun … dann wollen wir mal«, murmelte Zanibald und seine Knappin nickte bestätigend. »Natürlich, werter Herr …«


Zweiter Teil

Die Verteidigung von Anteves

Zanibald von Azaren, der kühne Ritter, der schon tausende Schlachten geschlagen hatte und gewiss noch weitere tausend schlagen würde, der unzählige Feinde bekämpft und stets als Sieger vom Platz geschritten war, der hilflose Frauen aus brennenden Häusern gerettet und alte Damen über die Straße geholfen hatte, der furchtlos von einem bekannten Ende der Welt zum anderen – und darüber hinaus – gereist war, der Drachen und Dämonen gleichermaßen erschlagen hatte, lief die schmale Gasse zwischen den Häusern des Dorfes Anteves entlang, sein glänzendes Schwert gezogen aber locker auf der Schulter liegend. Das blonde, lange Haar war zu einem Zopf gebunden, und die auf Hochglanz geputzte Plattenrüstung blinkte im Schein des Kristalls Beledars. Es sah wie ein ruhiger Tag in dem eroberten Dorf aus, keine Gefahr in Sicht. Nur das laute Hämmern der Handwerker, die die Schäden an den Gebäuden ausbesserten, die durch den Kampf um das Dorf entstanden waren.

Doch plötzlich war es mit der Idylle vorbei, als sich vor Ritter Zanibald ein Leerenriss bildete und sich daraus eine Unzahl an Skardyn – leerenverseuchte Irdene – ergoss, die pure Mordlust in den Augen. Ritter Zanibald hob sein Schwert.

»Zurück mit euch, ihr garstigen Viecher!« brüllte er und schwang die Klinge nach dem ersten Feind. Dieser konnte nicht rechtzeitig ausweichen oder parieren und wurde regelrecht geköpft. Aber damit war Zanibald noch lange nicht fertig. In einer Rückwärtsbewegung führte er sein Schwert direkt gegen den nächsten Gegner. Dieser konnte noch gerade rechtzeitig seine Waffe heben und dem tödlichen Schlag entgehen, wurde aber zurückgestoßen und prallte gegen einen seiner Kameraden, wodurch dessen Waffenarm blockiert wurde und nicht angreifen konnte. Ein Fußtritt des Ritters förderte einen vierten Skardyn zurück durch den Leerenriss. Aber der Strom an Feinden brach nicht ab und Zanibald positionierte sich neu. Nach Hilfe zu rufen kam natürlich nicht infrage, ein Ritter brauchte sie nicht. Er kam mit jeder Situation zurecht.

»Mehr Feinde, mehr Ruhm für mich!« behauptete Ritter Zanibald von Azaren und schwang sein Schwert in einem tödlichen Kreis. »Macht euch bereit, von mir in Stücke gehackt zu werden!« brüllte er und machte wieder zwei Schritte auf die immer größer werdende Anzahl an Feinden zu.

Ein leises Hüsteln. »Werter Herr … Euer Essen wird langsam kalt. Darf ich euch zu eurem Zelt begleiten?« fragte hinter Ritter Zanibald seine Knappin Zyallaar. Der Ritter blinzelte und die Feinde vor ihm verschwanden und machten den Blick auf eine leere Straße frei. Auch trug er nicht seine blank polierte Rüstung, sondern ein leicht verdrecktes Hemd und einen Handwerkergürtel. Sein Schwert hingegen hatte sich in einen schlichten Zimmermannshammer verwandelt. Er erinnerte sich: Man hatte ihn ja dazu verdonnert, den Handwerkern bei der Reparatur zur Hand zu gehen und die zerstörten Häuser wieder aufzubauen, weil er bei der Eroberung des Dorfes etwas zu … enthusiastisch gewesen war und in seinem Eifer Feuer an manche Behausungen gelegt hatte.

Er räusperte sich: »Sehr gut, Knappin. Nach einem harten Arbeitstag darf man auch ein ordentliches Mahl zu sich nehmen.« Er senkte den Hammer, den er immer noch zum Angriff erhoben hatte, und ließ die Schultern hängen.

Knappin Zyallaars Gesicht blieb vollkommen unbewegt, als sie nickte. »Natürlicher werter Herr … «


Dritter Teil

Der Kampf gegen das Seeungeheuer

Zanibald von Azaren, der kühne Ritter, der schon tausende Schlachten geschlagen hatte und gewiss noch weitere tausend schlagen würde, der unzählige Feinde bekämpft und stets als Sieger vom Platz geschritten war, der hilflose Frauen aus brennenden Häusern gerettet und alte Damen über die Straße geholfen hatte, der furchtlos von einem bekannten Ende der Welt zum anderen – und darüber hinaus – gereist war, der Drachen und Dämonen gleichermaßen erschlagen hatte, hockte am Bug des Schiffes „Leuchtende Hoffnung“ und reckte sein glänzendes Schwert in die Luft. Schon erstaunlich, was sich so alles hier in den Tiefen von Azeroth befand. Ein ganzes Meer, oder eher ein sehr großer See. Seine Einheit wurde geschickt, um eine kleine Insel inmitten des gewaltigen Sees zu erobern. Eine kleine Insel mit einem Turm darauf, aber gehalten von einer gewaltigen Zahl von Feinden. Genau der richtige Einsatz für einen Helden!

Schon näherten sie sich der Insel, da brodelte das Wasser vor dem Schiff. »Achtung! Monster voraus!« brüllte Ritter Zanibald und deutete mit seinem Schwert auf das Untier, das aus dem Wasser stieg. »Bereitmachen zum Kampf!« Schon war der Kopf zu sehen, ein gewaltiges Tier mit einem aufgerissenen Maul, das das Schiff mit einem Happs verschlingen konnte, doch der Ritter wankte nicht. Nein, ein Ritter würde niemals zurückschrecken! Und schon gar nicht so ein gewaltiger Held wie Ritter Zanibald von Azaren.

»Komm nur her, du Bestie! Komm her und ich werde dir den feinen Stahl zu schmecken geben!« forderte der Held das Monster heraus und wedelte wild mit seinem glänzenden Schwert. Die Bestie kam näher, gleich würde sich das Maul schließen und das halbe Schiff verschlingen. Aber der Ritter würde trotzdem nicht wanken. Er würde …

Ein Räuspern. »Verzeihung, werter Herr, hier ist die verlangte Seife«, kam von hinter Zanibald. In dem Moment gab das Monster einen langen quakenden Ton von sich und der Ritter blinzelte. »Was?« fragte er verwirrt, als das Schiff verschwand und er sich in seinem Badezuber wiederfand, vor sich eine gelbe Quietscheente, der gerade die Luft ausging und sie dabei dieses quakende Geräusch machte, in der Hand eine Bürste mit Stiel, um sich den Rücken zu schrubben.

»Eure Seife, werter Herr …«, wiederholte die Knappin Zyallaar und hielt ihm das duftende Stück in pinker Farbe hin. Er ergriff sie sogleich. »Ah, natürlich. Die Seife. Danke, Knappin. Und merket, ein Ritter hat immer wohl zu riechen«, belehrte er sie, während er die Seife ins Wasser tauchte und langsam Seifenblasen erzeugte.

Das Gesicht der Knappin blieb völlig unbewegt, sie nickte nur knapp. »Natürlich werter Herr …«


Vierter Teil

Die Ehrung eines Helden

Zanibald von Azaren, der kühne Ritter, der schon tausende Schlachten geschlagen hatte und gewiss noch weitere tausend schlagen würde, der unzählige Feinde bekämpft und stets als Sieger vom Platz geschritten war, der hilflose Frauen aus brennenden Häusern gerettet und alte Damen über die Straße geholfen hatte, der furchtlos von einem bekannten Ende der Welt zum anderen – und darüber hinaus – gereist war, der Drachen und Dämonen gleichermaßen erschlagen hatte, schritt durch die Straßen von Sturmwind, die umsäumt von Menschen waren, die ihm zujubelten und ihn mit Blumen bewarfen.

Er lief lächelnd durch die Menge, in seiner bescheidenen Art winkte er nur einmal hier und einmal da und murmelte immer wieder »Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen. Es war mir eine Ehre.«

Natürlich ging es um das erfolgreiche Abschneiden der Operation in Heilsturz und den nicht ganz unbeträchtlichen Beitrag, den Ritter Zanibald geleistet hatte. Ohne ihn, das musste er natürlich in seiner bescheidenen Art trotzdem zugeben, wäre die Operation vermutlich gescheitert.

Es lag nur an seinem Können, seinem Mut und Tapferkeit und seinem taktischen Geschick, dass er die meisten seiner Mannen und Frauen lebend nach Hause gebracht und den Feind in die Schranken gewiesen hatte. Ritter Zanibald schritt die Straße weiter entlang, immer noch lächelnd grüßend, da erblickten seine Augen ein hübsches Mädchen mit betörenden Vorzügen am Rande, das ihm schüchtern zuwinkte. Sein Herz schlug schneller und er ergriff die Hand des Mädchens, um diese zu küssen. Das hübsche Mädchen errötete.

»Heute Abend zur neunten Stunde. Ich erwarte dich in meiner Kammer« meinte er galant und das Mädchen senkte die Augen und machte einen grazilen Knicks. Ritter Zanibald schritt grinsend weiter, da fiel ihm ein weiteres Mädchen auf, das ihn frech angrinste. Er erwiderte das Grinsen und deutete auf sie. »Heute Abend zur zehnten Stunde bei mir … und bringe eine Freundin mit. Nein, warte! Besser zwei.« Sie nickte zustimmend.

Ach, war das Leben nicht schön? Ritter Zanibald schritt weiter stolz die Straße hinunter. Ja, manchmal musste sich ein Held auch selbst beloh …

»Achtung, werter Herr!« wurde sein Gedankengang jäh unterbrochen und er blinzelte. »Hmm? Was?« fragte er und drehte sich um. Die Menschenmassen waren fort, fort waren die hübschen Mädchen und die Blumen auf den Straßen und das Skandieren seines Namens. Nur seine Knappin Zyallaar stand hinter ihm mit unbeweglichem Gesicht und antwortete. »Ich wollte euch warnen, werter Herr. Ihr seid leider gerade in einen Haufen Hundeexkremente getreten.«

Ritter Zanibald blinzelte und blickte zu seinen Füßen. Tatsächlich stand er mitten in einem dicken Haufen noch deutlich duftenden Hundeausscheidungen. »Erks …« würgte er und trat an den Seitenrand, um sich den Dreck von den Sohlen abzukratzen.

»Deshalb sage ich Euch immer, ihr müsst mit offenen Augen durch die Gegend gehen, Knappin«, meinte er in einem belehrenden Ton. »Das wird Euch eine gute Lehre sein, wenn ihr meine Schuhe reinigt.« Die Knappin nickte nur knapp, immer noch ohne die Miene zu verziehen. »Natürlich werter Herr…«


Fünfter Teil

Die Ansprache

Zanibald von Azaren, der kühne Ritter, der schon tausende Schlachten geschlagen hatte und gewiss noch weitere tausend schlagen würde, der unzählige Feinde bekämpft und stets als Sieger vom Platz geschritten war, der hilflose Frauen aus brennenden Häusern gerettet und alten Damen über die Straße geholfen hatte, der furchtlos von einem bekannten Ende der Welt zum anderen – und darüber hinaus – gereist war, der Drachen und Dämonen gleichermaßen erschlagen hatte, schritt durch den Besprechungsraum, in dem sich alle Kommandanten des neuesten Großeinsatzes versammelt hatten und stellte sich, wie selbstverständlich, ganz vorne hin.

Auf dem Weg bezeugten die anderen Kommandanten ihre Wertschätzung, indem sie ihre Faust vor Zanibald auf die Brust schlugen und den Kopf neigten.

Für Ritter Zanibald keine ungewöhnliche Situation, so hatten schließlich bereits viele Soldaten vor ihm gekniet, an denen er vorbeigekommen war, auf dem Weg zum Besprechungsraum.

»Ritter Zanibald! Ritter Zanibald ist da und wird uns zum Sieg führen!« So kamen die Rufe von links und rechts. Und ein jeder, an dem der Ritter vorbeiging, zeigte Zuversicht und Ehrfurcht vor dem großen Ritter mit seiner blonden, langen Mähne und dem blinkenden Panzer. Zanibald wandte sich zu den anderen Kommandanten um und betrachtete sie einen Augenblick nachdenklich.

Es war ein bunter Haufen von Allianz- und Hordesoldaten. Stolz standen sie vor ihm, sich in seinem Glanze sonnend. Er lächelte. »Kommandanten!«, erhob er seine Stimme, damit auch jeder im Raum ihn vernehmen konnte.

»Wir sind hier zusammengekommen, um meinen genialen Plan zur Rückeroberung der Festung Dai-So zu besprechen. Wir werden die Truppe in drei Bereiche aufteilen. Ich persönlich werde den Angriff auf das Tor leiten, den gefährlichsten Part!« Viele der Kommandanten nickten zustimmend. Natürlich.

Ihnen war seine Genialität, mit der er schon unzählige Schlachten gewonnen hatte, wohlbekannt und sie vertrauten ihm blind. Konnten sie selbstverständlich auch. »Sobald ich die Tore zertrümmert habe und in den Vorhof eingedrungen bin …« Er machte sich nicht die Mühe, zu erwähnen, dass er nur ein kleines Truppenkontingent benötigte, denn seine eigene Kampfkraft war gewaltig genug. »… wird die rechte Flanke …« fuhr er weiter fort, als er ein Räuspern hinter sich vernahm.

»Werter Herr … euer Essen wird kalt«, kam die Stimme seiner Knappin Zyallaar und der Besprechungsraum verwandelte sich in Ritter Zanibalds Zelt und die vor ihm stehenden Kommandanten in sein Spiegelbild, das ihm aus dem mannsgroßen Spiegel entgegenblickte.

Er trug auch keinen glänzenden Panzer, sondern nur ein Hemd und eine feine Hose. Er räusperte sich nun ebenfalls und strich eine Falte auf seinem Oberteil glatt. »Ähm … danke«, sagte er und drehte sich zu Zyallaar um, die ihn mit unbewegter Miene ansah. »Ein Ritter hat selbst zum Speisen wohl gekleidet zu sein. Merk dir das.« Seine Knappin nickte bestätigend. »Natürlich, werter Herr …«


Sechster Teil

Die Beschwörung

Zanibald von Azaren, der kühne Ritter, der schon tausende Schlachten geschlagen hatte und gewiss noch weitere tausend schlagen würde, der unzählige Feinde bekämpft und stets als Sieger vom Platz geschritten war, der hilflose Frauen aus brennenden Häusern gerettet und alte Damen über die Straße geholfen hatte, der furchtlos von einem bekannten Ende der Welt zum anderen – und darüber hinaus – gereist war, der Drachen und Dämonen gleichermaßen erschlagen hatte, schritt durch die verstaubte Bibliothek.

»Ich habe es geschafft. Ich habe die alte Bibliothek gefunden, obwohl es nur Gerüchte gab. Hier unten in diesem Verlies. Wer hätte das nur ahnen können? Niemand! Nur ich! Ich hatte so ein … Gefühl. So eine Ahnung«, verkündete er stolz seiner Knappin, die weiterhin am Eingang des Raumes stand und diesen misstrauisch beäugte.

Natürlich war sie misstrauisch, nicht jeder hatte den Wagemut eines solch kühnen Ritters wie Zanibald.

Er schritt die Reihen der Regale ab, strich mit den Fingern über die alten Lederrücken der Bücher und zog einmal hier, einmal da einen dieser dicken Schinken hervor, nur um ihn wieder an seinen angestammten Platz zurückzuschieben.

Schließlich kam er an dem Lesepult an, das ein wenig erhöht stand. Ein Buch lag dort aufgeschlagen und auf der einen Seite war das Abbild eines Dämons zu sehen.

»Schau an, hier ist sogar ein Buch über diese finsteren Monster. Gewiss enthält es die verborgenen Schwächen dieser Dämonen«, verkündete Zanibald und trat näher, um sich die Seiten genauer anzusehen.

Wie wertvoll wäre es, wenn er die geheimen Schwächen kannte? Er würde sich zum Dämonenschlächter mausern, sein Name würde in jedem Winkel dieser Welt und anderen Welten mit Ehrfurcht genannt werden.

»Eh … werter Herr? Wäre es nicht besser ratsam …« begann seine Knappin Zyallaars zögerlich, wurde jedoch von der erhobenen Hand des Ritters unterbrochen.

»Sssht … Knappin, ihr müsst lernen, mutiger zu sein. Ein Ritter kennt keine Angst, kein Zögern …«, belehrte er sie und schaute sich dann die Zeilen in dem Buch an.

»Kazar Zil zug Zie Sha krun gal bo dun …«, las er laut den Satz. »Was soll das denn heißen?« fragte er dann leicht verwirrt. In dem Moment tat sich am Boden ein roter Wirbel auf und kreiste immer schneller.

Ritter Zanibald machte ein paar Schritte zurück. Nicht, weil er Angst hätte, nein, sowas kannte er nicht. Die Schritte lenkten ihn nur in Richtung seiner Knappin. Was auch immer durch den Wirbel kam, er würde sie selbstverständlich beschützen.

Er brauchte nur wenige Augenblicke, da tauchte ein Dämon aus dem wirbelnden Strudel auf. Es war genau derselbe Dämon, der als Abbild auf der Seite des Buches zu sehen war.

»Siehst du, Knappin? Und deshalb sollte man nie einfach so in einem Buch lesen, sondern sich erst vergewissern, was man da heraufbeschwören könnte.« So gab der Ritter seine Weisheit weiter.

»Natürlich, werter Herr«, kam die Antwort mit einem resignierten Seufzen am Ende.


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